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19.01.2020

Instagram - meine schöne, heile Welt

Schwärmen, zeigen, schönreden und manchmal schmollen. Die sogenannten Influencer inszenieren ihr Leben im Internet. Name wie Pia Wurtzbach, Pamela Reif, Yvonne Pferrer oder Julia Schröder tauchen auf. Es geht um Mode, es geht um Schönheit, es geht um Reisen. Kurzum, es geht um das vermeintlich schöne Leben der Einfluss-Reichen. Millionen Menschen - besser gesagt Millionen Jugendliche folgen ihnen. Und die Stars von heute zeigen auf professionellen Fotos, wo sie gerade ihren hundertzwölften Traumurlaub verbringen (natürlich mit dem Flieger hin), wo sie den besten Lipgloss gekauft haben und wie man ihn aufträgt (einfach nur toll aussehen) oder welch todschicke Klamotten sie tragen, wenn sie mal wieder in den Alpen an einem See stehen. Natürlich werden Marken und Shopping-Möglichkeiten - nicht immer nur ganz beiläufig - bekannt gegeben. Sie beeinflussen das Konsumverhalten von Millionen Jugendlichen und spielen heile Welt. Aber Insta ist ja eh "Heile Welt". Die Studie „Insta ungeschminkt“ vom Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel e. V. zeigt das Verhältnis von Jugendlichen zu Instagram auf.

Das Ergebnis: „Instagram ist für viele Jugendliche ein Versuch, eine rundum kontrollierbare Traumwelt zu installieren, in der alles perfekt ist und sie selbst unangreifbar sind.“

In der Studie heisst es weiter: Junge Menschen fühlen einen Kontrollverlust auf mindestens drei Ebenen: auf der physischen, der familiären und der gesellschaftlichen.

Entsprechend interessieren sich die Jugendlichen auch kaum für tiefgründige Themen aus Gesellschaft, Wirtschaft oder Politik, sondern eher für Sport und Lifestyle. Im Moment sieht es zwar so aus, als engagieren sich wieder mehr Jugendliche politisch - das aber eher freitags.

Über 64% der in der Studie Befragten verbringt täglich bis zu 4 Stunden auf Instagram oder am Bildschirm. Ganz anders sieht es dagegen beim Lesen von Büchern aus. Kaum einem Jugendlichen gelingt eine solch konzentrierte Beschäftigung noch. Dann lieber Insta.

Man zeigt sich, man bringt sich in Pose, gibt aber gleichzeitig wenig Privates preis, denn das würde angreifbar machen. Keiner soll sehen, dass man früher etwas dicker war, keiner soll noch den Style sehen, der einem selbst nicht gefällt. Sie löschen, sie verbergen und posten neu. Schöne heile Welt.  Eigentlich ist bei Insta alles gleich. Gleiche Posen, gleicher Look, alles Standard, nur die Gesichter ändern sich, und die Konsumartikel, die in die Kamera gehalten werden. Manche wachen morgens schon neben einer frisch gekochten Tasse Tee auf, mit Lipgloss drauf natürlich.

 

Die Konstruktion einer perfekten Welt - das schafft Unverwundbarkeit, das schafft Sicherheit. In der Studie heisst es schön: „Erst durch Instagram finden Jugendliche zu ihrer Identität. Ihr Selbst ist ein digitales Selbst. „Ich Insta - also bin ich“.

Begehrte Währung auf Insta sind Likes, es geht um Reichweite. Follower sind ein Statussymbol. Es greift also genau das, wovor die Silicon Valley Aussteiger warnen. Der Algorithmus hat sie im Griff. Sie sind süchtig - auf mehreren Ebenen. Süchtig nach Anerkennung, süchtig nach heiler Welt, süchtig nach einem Algorithmus, der genau dafür angelegt ist - sie süchtig zu machen.

Aber auch Influencer haben einen harten Job. Das was so locker und leicht aussieht ist ja in den seltensten Fällen mit einem Selfie aus der Handycam entstanden. Pose, Style, Hintergrund, alles wohl überlegt, alles arrangiert und von Profis abgelichtet. Bis es passt, bis die Sonne im rechten Winkel den See beleuchtet, der Schmollmund perfekt den Lipgloss betont und die Haarshampoo-Flasche mit dem glitzern des Sees harmoniert. Toll. Sie verdienen Millionen, das muss man ihnen lassen. Scheinbar hat die Welt auf sie gewartet. Wenn kleine Mädchen früher bei Michael Jackson gekreischt, geweint und gefiebert haben, kreischen sie heute, wenn ein Influencer in der Stadt ist. Reich und berühmt wollten wir wohl schon immer alle sein. Dank Insta hat nun jeder die Chance das mit ein paar Klicks zu schaffen. Das suggeriert der Algorithmus, das sind Hoffnungen von Heranwachsenden. Berufswunsch Influencer. Aber auch das ist nicht so einfach. Ein großer Pop-Star wird ja auch nicht jeder. Manch Mutter arbeitet aber bereits heute an der Influencer-Karriere ihrer Jüngsten und baut den Account auf, den die Kids dann nahtlos übernehmen sollen. Nachwuchsvorsorge im modernen Zeitalter. Läuft.

Wie ist eigentlich die Welt da draussen?  Was ist denn eigentlich mit denen, die nicht so viele Likes erhalten? Was macht das alles aus den Jugendlichen? Insta oder besser Facebook will jetzt die Welt ein wenig besser machen und die sichtbaren Likes abschaffen, die harte Währung einstampfen. Es soll wieder mehr um Fotos gehen, nicht um Follower. Schauen wir mal.

„Instagram ist für viele Jugendliche ein Versuch, eine rundum kontrollierbare Traumwelt zu installieren, in der alles perfekt ist und sie selbst unangreifbar sind.“
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